Saturday, November 13, 2010

Paris im November

Liebster Liebster...
Wir haben lange nicht mehr geschrieben, und ich kann gerade nicht anrufen. Ich habe in den letzten Tagen endlich mal so ein bisschen rumtelefoniert und ich merke, dass es gut tut. Ich habe eine lange Reflektionswoche hinter mir. Es ist gut.
Wenngleich auch mein französisch nicht wirklich besser wird, habe ich doch wenigstens das Gefühl, eine Entwicklung durchzumachen. Ich setze mich mehr mit Deutschland, mit mir und mit meinen Positionen/Meinungen und Gedanken zu verschiedenen Themen auseinander. Ich habe einen Text geschrieben, angeregt durch einen Post von Andreas Marx bei Facebook, ich weiß nicht, ob du ihn gelesen hast, deshalb setze ich ihn einfach hier ans Ende rein. Ich bin mir sicherer denn je, dass mein Leben in Deutschland mit meinem Studium, mit meinem Denken und mit dir das Beste ist. Nicht, was mir passieren konnte, denn es geschieht ja immer noch. Aber das Beste ist, wie es ist. Auch wenn ich mir jeden Moment mehr bewusst werde, was ich alles noch tun könnte, worüber ich nachdenken könnte, was ich lernen könnte. Aber auch das ist eine Entwicklung, eine gute.

Ich habe das Gefühl, etwas schreiben zu wollen; nur, dass ich es noch nicht in Worte fassen kann. Aber vielleicht wird das. Ich beginne Deutschland und mein Leben in Hildesheim wirklich zu vermissen und ich beginne zu hoffen, dass der Auslandsaufenthalt nicht mehr allzu lange andauern wird. Das ist komisch, da ich mich doch so sehr hierauf gefreut habe. Ich lerne mein Studium zu schätzen, ich lerne unsere Auseinandersetzungen zu schätzen, ich lerne zu schätzen, dass wir alle eine Meinung haben. Dass uns die Welt angeht. Ich lebe hier mit - unter anderem - einem Nihilisten zusammen. Zumindest benennt er sich selbst so. Aber eigentlich ist er - glaube ich - nur zu faul, sich Gedanken zu machen. Ich lebe hier mit einer Internetsüchtigen zusammen, deren höchstes Gut ist, gemocht zu werden. Ich lebe hier mit einem Einsiedlerkrebs zusammen, der versucht seine "Freundeskreise" getrennt zu halten, ohne ersichtlichen Grund. Ich lebe mit Menschen zusammen, die nicht so wirklich anregend sind. Ich mag ihre Art, ich bin froh, dass ich so leben kann. Das klingt so hart. Eigentlich meine ich, dass ich froh bin, mich mit Menschen auseinander setzen zu können, die so anders sind als ich. Ich bin froh, dass ich daraus lernen kann, dass ich froh bin, so zu sein, so zu denken, so zu leben, wie ich bin, wie ich es mache.

Ich stelle mir diese Fragen bewusster als jemals zuvor in meinem Leben. Oder es wird mir bewusster gemacht. Ich weiß es nicht.
Auch wenn sich mein französisch vielleicht nicht so sehr verbessert, wie ich es gehofft habe; aber ich werde fester, sicherer in dem, was ich denke und bin. Das ist gut, glaube ich.


KÜSSE. und ich verspreche: ich rufe dich bald wieder an. Habe es heute nicht getan, weil ich nicht wusste, ob du zu hause bist. Und dann habe ich mit Uli telefoniert. Das ist gut.

ich freu mich so darauf, wieder bei dir in Hilde leben zu können, wieder mit euch allen in Küche zu sitzen, und sich über die Welt zu wundern, sich über die Welt in einem Miteinander auseinander zu setzen und ... sentimentaler Quatsch. Aber du weißt, was ich sagen will.
Lieb dich so.



Das ist der Text:

Das Kondenswasser verschwimmt, ich sehe die Reflexe der Straßenlaternen draußen vor meinem Fenster. Der Lärm der hupenden Autos und der rauschenden Motorräder ist verhallt, denn ich habe meine gummipropfenartigen Kopfhörer in meine Ohren gezwängt. Im Vakuum höre ich nur noch das Rauschen des Bluts und einen beständigen Pfeifton, dem eines Tinitus ähnlich doch weniger stark.

Ich lese einen Artikel über das „International Students Movement“ und starre in eine blickdichte Leere. Meine Ohren werden heiß von den Pfropfen und dem Tinitus, ich muss die Augen schließen, um nicht für die kommenden drei, vier, fünf Stunden zu verharren. Ich reiße mir die Pfropfen aus den Ohren und sitze. Wie kann es sein, dass ich von all dem nichts mitbekomme? Dass das Internet voll ist von Anzeigen über Studentenstreiks, die im Zeichen der freien Bildung stehen. Es gibt sie auch hier, aber in Frankreich liegen die Probleme nicht anderweitig, aber man sozialisiert sich mehr mit dem Rest der Gesellschaft, um sich zu akkumulieren.

Ich spüre einen Schub an jugendlichen Ehrgeiz in mir. Mein Innerstes bäumt sich auf, klopft gegen die Brustdecke und zwängt meinen Körper in eine aufrechte Haltung. Die Brust will schwellen vor Stolz, auch ein Student zu sein. Ich möchte ein Zwiegespräch mit meiner Brust führen; was sie sich denkt, sich mit StudentInnen auf eine Ebene zu stellen, die das gesamte letzte Jahr hart für ihre Ideale/Utopien gekämpft haben. Ich habe meinen Teil abbekommen; ich habe aus Studenten StudentInnen gemacht. Ich korrigiere mich selbst; im Schreiben inbegriffen.

Ich muss eine rauchen.

Nachdenken.


Ich schäme mich, mich selbst Studentin zu nennen. Weil ich nicht konsequent genug gewesen bin. Weil ich mir gesagt habe: ein Streik ist gut, ein Streik ist wichtig, aber d a s Seminar zu verpassen will ich auch nicht. Weil ich gedankt habe, weil ich mit diskutiert habe und anschließend nach hause gegangen bin. Ich war bei den Demonstrationen und Kundgebungen; ich habe mir die Parolen hier in Frankreich angehört. Ich war dagegen; dann bin ich in mein Zimmer in meiner linken Studenten-WG gegangen und habe den Text für die nächste Sitzung vorbereitet. Anschließend wollte ich für mein Vordiplom lernen, aber ***** brauchte Hilfe beim Transparente malen. Ich war also faul; das ist der Konsens außerhalb unserer Blase.

Ich zahle keine Steuern, ich habe nicht den Hörsaal besetzt. Ich diene nicht der Gesellschaft, ich habe in meinem eigenen Namen mit dem Dekan, und somit auch dem Präsidenten kollaboriert. Ich habe gegen die Rechtsradikalen gewettert, ich habe über die Linksradikalen gestöhnt. Ich habe meine eigene Stimme; die scheinbar nichts zählt.


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